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„Nigggu Niggu!“ Der Typ sah mich mit erhobenen Augenbrauen an und wiederholte: „Niggu niggu!“ 

Seine Mimik blieb mir ein Rätsel. Ich hob den Becher, der mit „Brühe“ beschriftet war, in die Höhe.

„Niggu,“ wiederholte mein Gegenüber. Ich lächelte, falls „Niggu“ doch guten Tag auf tirolerisch heißen sollte. Wahrscheinlicher war aber die Übersetzung: „Nicht gut!“ In dem Becher schwammen dicke Fettaugen und noch irgendetwas Undefinierbares, das mir den Mut nahm, diese Verpflegung zu probieren. Dabei war ich wild entschlossen, alles mitzunehmen, was mir dieser Lauf in Tirol zu bieten hatte. Schließlich komme ich aus Bochum nicht alle Tage nach Österreich. Die meisten Teilnehmer waren aus dem Umland, nebst Tirolern standen auch viele Bayern in der Starterliste. Aus dem Norden hatte sich wohl kaum jemand in die Alpen verirrt, um das Karwendel auf einer 52-Kilometer-Route zu durchqueren. Italiener, Schweizer und sogar Neuseeländer fanden sich allerdings in der internationalen Teilnehmerliste.

Start

Als wir 2600 Läufer und Wanderer in den Morgen starteten, klang es um mich her vor allem wie „Hohohono“, das waren die Tiroler, und „Hoschmidabi“, das waren die Bayern. Ich war eindeutig Ausländerin und wurde zuletzt auch mit der Ansage „Verena aus Deutschland“ im Ziel empfangen. Bis dahin war es aber noch weit.

Der Sprecher am Morgen-Mikrofon war jedoch gut zu verstehen. Er behauptete um 5:30, dass es langsam hell werden würde, obwohl eigentlich nur in den Toilettenhäuschen Licht zu sehen war. Ich blickte gemeinsam mit meiner Toilettenschlangennachbarin nach oben und wir lachten in den schwarzen Vollmondhimmel. Sollte die Sonne ruhig noch versteckt bleiben, es war auch so nicht kalt und wir wussten alle, dass uns ein heißer Tag bevor stand. Das schreckte mich nicht, im Vergleich zur klebrigen Stadtluft erschien es mir in den Bergen überall kühl und für den Schweiß würden wir mit einem makellosen Panorama entschädigt werden.

Meine Freundin hatte mich glücklicherweise zum Start nach Scharnitz gefahren, so war ich nicht allein zwischen meinen 2599 Mitstreitern und wir hatten noch ausreichend Zeit, das Starterfeld zu mustern. Wanderschuhe waren kaum zu sehen, stattdessen leichte Trailschlappen, passgenaue Rucksackminiaturen und Minicomputer an den Handgelenken. Die Stimmung war entspannt, als wäre es üblich, dass sich halb Tirol vor Sonnenaufgang an der Isar trifft. Die Parkplätze quollen über. Mein Smartphone meldete kurz vor dem Start „Out of order“ und mit gewisser Erleichterung schaltete ich die ganze Technik ab. Telefonieren wollte ich die nächsten Stunden ebenso wenig wie fotografieren. Denn wo hätte ich anfangen sollen? Bei diesem Traumwetter sahen alle Berge genauso aus wie auf den Postkarten. Ich hätte Millionen Fotos machen müssen - oder eben gar keins. Statt den Blick auf ein kleines Viereck zu konzentrieren, wollte ich lieber die Landschaft und meine Fußspitzen beobachten. Vor allem letzteres erwies sich im weiteren Verlauf an den alpinen Steigen als sehr wichtig. Als ich mir nach 30 Kilometern eine kleine Panoramapause gönnte und die umliegenden Felswände bestaunte, meinte einer meiner zahlreichen Begleiter: „Naja, zum Schauen muscht wann andersch wieda kumma, heute renna wir.“

Mit dem Rennen war das allerdings so eine Sache, über weite Strecken war es eher ein zügiges bergwandern für mich. Es gab zwar die Kategorien Läufer/Walker/Wanderer, aber wie sich zeigte, wanderten viele Läufer und Wanderer rannten und jeder tat eben, was die Füße hergaben. Die ersten zehn Kilometer flogen für mich sehr leicht über ein paar sanfte Steigungen dahin, ich schwamm in einer Masse Mensch mit, die mich vorübergehend sprachlos machte. Die Idee, das Läuferfeld würde sich bald auseinander ziehen, verflüchtigte sich genauso schnell wie die Strecke und die Dunkelheit. Hell war es schon lange, als die Sonne über die Gipfel rutschte und plötzlich die Läufer rechts und links des Weges stehen blieben, um ihr Smartphone gen Sonnenaufgang zu richten.

„Hallo Tag“, sagte ich zu der Sonne, die die pastellfarbene Landschaft kurzzeitig in schwarze Silhouetten verwandelte. „Treib es mal nicht zu heiß mit den Temperaturen“, fügte ich hinzu und zog mein Kappi tiefer in das längst salzverkrustete Gesicht. Einmal Salz-Peeling und Packung, das alles war inclusive in den 41 Euro, die ich für den Lauf bezahlt hatte. Außerdem gab es nebst der Niggu-Niggu-Suppe auch Holundersaft, Tee, Wasser, Brot, Kekse und Blaubeersuppe. Auf die hatte ich mich vorher schon gefreut und meinem Magen erklärt, dass er das aushalten müsste. Tirol ist Tirol. Ob diese Suppe wirklich aus Blaubeeren bestand, konnte ich zwar nicht in Erfahrung bringen, aber sie schmeckte kühl und köstlich. Wir wurden also mit allem verwöhnt, was die Tiroler Küche so hergibt. Es gab zum Beispiel auch Früchteriegel, zu denen meine Schwester später sagte, sie sähen aus wie Abführwürfel. Eine gewisse Vorsicht bei der Nahrungsaufnahme war also sicherlich angemessen.

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Jedenfalls war das Organisationsteam gewillt, jeden über die Strecke zu bringen. Nicht nur die Sieger, die die ganze Tour entlang hüpften, als wären die steilen Steine nur Sprungbretter, sondern jeden, der bereitwillig über die Pfade robbte und nach bis zu 14 Stunden den Achensee erreichte. Den Veranstaltern ist es durch ihren Einsatz gelungen, einen 52 Kilometer langen Volkswandertag zu initiieren, der Kultcharakter bekommen hat. Theoretisch befinden sich an diesem Samstag 20 Läufer-Wanderer-Walker auf jedem Kilometer zwischen Scharnitz und Pertisau, praktisch gesehen sind es noch mehr, weil sich das Menschenknäuel natürlich erst so nach und nach entkräuseln kann. In den letzten Jahren hat es zum Marschtermin immer so heftig geregnet, dass die Teilnehmer bestimmt nicht wegen der Aussicht dabei waren. Unter dem Motto „Die Legende lebt“ wird die Laufwanderung entlang des Adlerwegs so fleißig weiter getragen, dass dieses Jahr zum ersten Mal das Startkontingent von 2600 Teilnehmern komplett ausgebucht war. Das war natürlich auch dem Traumwetter geschuldet, das weder Gewittergefahren noch Schnee-Einbrüche erwarten ließ. Wir brauchten unsere Rucksäcke nicht mit Mützen und Handschuhen zu beschweren. Eine Jacke und eine Rettungsdecke hatte ich trotzdem bei mir, das ist einfach dem Respekt vor der Natur geschuldet. Entsprechend leicht war es in den Morgen zu laufen und ich freute mich wie Bolle, dass ich diese langen Schuttstraßen, die wir früher „einen Hatsch“ nannten nun endlich einmal entlang rennen durfte.

Überzeugte Wanderer behaupten oft, wer so rennt, würde nichts von der Landschaft wahrnehmen, aber das ist ganz und gar nicht richtig. Wenn ich in dicken Bergstiefeln ungeduldig die eher unspektakulären Wandertrassen entlang trabte, waren meine Freunde und ich meistens so ins Gespräch versunken, dass ich mich um die Natur wenig kümmerte. Diesmal dagegen scannte ich jeden Meter, achtete auf Stolperfallen, freute mich über Fransen-Enzian, spürte wie sich das Rauschen des Bergbachs mit dem Murmeln der Stimmen vermengte und beobachtete genau, wann wir die Waldgrenze erreichten und damit den letzten Schutz für einen idyllischen Toilettenplatz Bei Kilometer 20 waren plötzlich die Wanderer um mich her in der Überzahl und ich kam mir seltsam hektisch vor, als ich immer wieder in den Laufschritt verfiel, da es mir gar nicht so steil vorkam. Eine erstaunliche, nahezu meditative Stille war eingekehrt. Nur das Atmen und Knirschen der zahlreichen Schuhe im Kies war zu hören. Wir waren wie eine einzige atmende Lavamasse, die sich langsam den Berg herauf und herunter schraubte und ihn mit bunten Wanderern verzierte, als hätte jemand seinen Pinsel ausprobiert und alle Farben mitten in das Grau und Grün der Gipfel gezeichnet. Als ich das erste Mal auf meine Armbanduhr blickte, waren drei Stunden vorbei und ich sah zwei Mal hin, weil ich es nicht glauben konnte. Mir war, als wäre ich in einem einzigen tiefen Atemzug über den Berg gehaucht worden und meine Beine waren beinahe so frisch wie am Morgen. Es folgte ein malerischer Wiesenpfad, der mir von den Werbefotos bereits vertraut erschien.

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Tatsächlich erwartete uns dort ein Fotograf, um jeden Einzelnen abzulichten. Zu diesem Zeitpunkt hoffte ich noch, dass uns nun zahlreiche solcher weichen Trampolinböden erwarten würden. Aber Fotografien täuschen. 2600 Teilnehmerfotos auf einem Wiesenpfad heißen nichts, als dass dies ein auffallend schöner Shooting-Ort ist. Auf den engen Schutthalden, in den Hitze- dampfenden Latschenfeldern hätte sich schlicht kein Fotograf halten können oder er hätte seine Fotos alle nicht verkaufen können, weil die ernsten Gesichter nicht so gut als Erinnerung taugen.

Die Falkenhütte bei Kilometer 30 hatte ich nach knapp vier Stunden erreicht, genau wie ich es mir vorher ausgerechnet hatte. Am Sattel wurden wir jeweils persönlich von der Bergwacht begrüßt, die wohl prüften, ob wir noch gesund wären. „Na wer so strahlt, hat wohl keine Probleme,“ meinte der Bergwachtler freundlich zu mir und ich zerdrückte eine Träne der Rührung, als ich begriff, dass ich nun tatsächlich unter den legendären Lalidererwänden stand über die so viele Kletterer berichtet haben.

Trotzdem war ich nicht nur glücklich. Nach wie vor war es mir nicht gelungen, die Masse Mensch hinter mir zu lassen. Ich war mitten im spektakulären Gebirge, aber es herrschte ein Gewimmel wie am Marienplatz, Wenn ich zur Seite trat, um einmal das makellose Panorama in mich aufzusaugen, trabten sogleich vier, fünf Leute an mir vorbei, die ich dann kurz darauf wieder überholen musste, was angesichts der engen Wege nicht einfach war. Nach der Falkenhütte wurde das Gedränge für mich besonders unangenehm, weil ich die verblockten, schotterigen Downhills nicht schnell nach unten kam, dafür dann beim Aufstieg durch den Brutkasten der Latschen wieder mit freudiger Energie überholte. Ich war also niemals in einer Gruppe, die konstant zu mir passte sondern wir überholten uns gegenseitig so freundlich wie es eben möglich war, das Schaben der Schuhsohlen war eine permanente Melodie um mich her. Zudem mehrten sich im Verlauf des Tages die Touristen, die wahrscheinlich nicht wussten, dass an Tagen wie diesen das Karwendel zwischen Scharnitz und Pertisau aus Mensch statt aus Berg besteht. Manchmal feuerten sie uns an, meistens wichen sie mit staunendem Mund aus und fragten sich, wie sie sich entgegen des Läuferstroms noch fortbewegen könnten. „Das Zopferle“, lächelte mir ein Typ zu, der einen Rucksack nach oben schleppte in dem ich locker mein Wohnzimmer hätte einrichten können. Dafür brauchte er keine Verpflegungsstationen und auch keine Hütte, einen Moment lang, beneidete ich ihn glühend.

Am Binssattel stand wieder so ein netter Mensch von der Bergwacht und fragte jeden, ob alles gut sei oder zumindest gut genug, um sich den folgenden Downhill zuzumuten. Da hatten wir den höchsten Punkt erreicht und ich hätte eigentlich liebend gerne einen zweiten Hitzehang nach oben gegen den folgenden Abhang eingetauscht. Die Zeit zerrann zwischen den Gesteinsbrocken und ich brauchte für fünf Kilometer bergab in diesem Gelände tatsächlich eine Stunde. Dabei freute ich mich auf meine Schwester, die mich in Pertisau in Empfang nehmen wollte. Trödeln war also nicht angesagt. Etwas grimmig eroberte ich mir die schotterigen Bremsklötze und sehnte mich danach, endlich wieder wirklich zu laufen. Müde fühlte ich mich nicht, aber ich kannte meine Grenzen der Geschicklichkeit - gut und sturzfrei anzukommen hatte oberste Priorität. Endlich tauchte das Schild „noch 9 km“ auf und irgendein wandernder Zuschauer meinte freundlich „Jetzt ist es nicht mehr schlimm!“

Auf diesen Moment hatte ich mich in der Tat gefreut, ganz frisch war ich nicht mehr, aber dass ich nach einem Marathon mit 2200 Höhenmetern, einfach so loslaufen konnte, erfüllte mich mit Stolz und Freude. Ich zog mir meinen Sonnenhut tief ins Gesicht, kassierte ein staunendes „sauber“ von einem Wanderer, als ich plötzlich an ihm vorbei schoss und trabte nun mit Entschlossenheit in die schwüle Hitze des Tales. Das Ziel war bizarrer Weise direkt an einem Parkplatz aufgebaut und ein PKW stänkerte mir sein „Hallo, Du bist wieder unten“ noch kurz vor der letzten Kurve ins Gesicht. Zuschauer applaudierten und über allem schwebte der Begrüßungsjubel meiner Schwester.

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Ich war tatsächlich nach acht Stunden und vier Minuten auf der anderen Seite des Karwendels angekommen! Dabei stolperte ich noch so schnell durch den Zielbogen, dass ich die Medaille verpasste. Den Orden bekam ich aber doch noch umgehängt und darüber hinaus erwartete alle Teilnehmer, die das Ziel erreichten, ein kleines Finisherpaket. Dieses Geschenk konnte ich mir gemeinsam mit meinem Kleiderbeutel abholen, alles war perfekt organisiert. So stand ich also etwas verwundert wenige Minuten nach dem Zieleinlauf, salzverkrustet mit zwei Plastikbeuteln in der schönen Gegend herum. Da nahm meine Schwester die eigentliche Siegerehrung vor: Sie hatte mir aus Schmetterlingen und blauen Blüten einen Lorbeerkranz gewebt und eine mit Gummibärchen gefüllte Schultüte für die „Karwendelprinzessin“ mitgebracht!!

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Da waren die Menschenmassen und stolperigen Downhills Geschichte und ich begriff so langsam, dass ich völlig unverletzt und ohne jeden Einbruch acht Stunden lang durch das Gebirge getrabt war, dass ich auf einer Menschenwelle über 2200 Höhenmeter herauf und herunter geschwappt war und dass ich mir als 80. von 160 Läuferfrauen einen Platz mitten in Tirol erobert hatte. Stolz badete ich noch meine Füße im malerischen Achensee, der wirklich ein beeindruckendes Ziel darstellt.

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Zwei Stunden später war ich schon wieder in meinem Mittenwalder Urlaubsquartier und schwamm eine Abendrunde im Lautersee.


Am nächsten Morgen beim Frühstück traf ich den Typen wieder, der mich schon bei meiner Ankunft begrüßt hatte.
„Warst du klettern?“, wollte ich wissen.

„Jo, Viererspitze gemacht“, nickte er zufrieden. Die Viererspitze ist ein markanter Berg über Mittenwald.

„Ich war mit 2600 Leuten beim Karwendelmarsch“, führte ich das Gespräch weiter.

„Hä wo?“ Anscheinend gehörte mein Tischnachbar zu den wenigen, die von dieser Veranstaltung noch nichts gehört hatten.

„Von Scharnitz nach Pertisau, 52 Kilometer“, ergänzte ich.

„No, so!“ Er rührte in seiner Kaffeetasse. Offensichtlich dachte er eher in der Vertikalen.

„2200 Höhenmeter“, ergänzte ich also.

„Ahh jooo!“

„Aber eben auch 2600 Leute, es war ziemlich voll.“

„Na, so!“

„Das nächste Mal geh ich lieber wieder allein.“

„Jo!!“

Wir nickten beide gleichzeitig und da war es wieder, das Gefühl, das mir gestern inmitten des Tatzelwurms vorübergehend entschlüpft war und das weder vieler Leute noch Worte bedarf: Die Freude am Berg!

VIGLi, 29. August 2015

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