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VIGLis Ehrenfeld-Block

Ich bin zugezogen. Von Bochum Stahlhausen ins Bochumer Ehrenfeld. Zwischen meiner alten und meiner neuen Adresse liegen 3,1 km, das ist nicht viel. Trotzdem hat sich mein Blickwinkel auf die Stadt sehr verändert. Nach 25 Jahren im Pott (vorher Berlin und München) waren manche Wege doch schon zur Routine geworden. Durch den Umzug betrachtete ich alles neu, die täglichen Wege waren andere. Meine Entdeckungen und Beobachtungen im Viertel Ehrenfeld innerhalb der ersten zwei Jahre nach dem Umzug, habe ich auf diesem virtuelllen Notizblock dokumentiert.

14. Januar 2015.  Eine der wenigen Lokalitäten im Ehrenfeld, die sich nicht mit dem Zusatz "Am Schauspielhaus" schmücken, obwohl sie es wahrlich verdient hätten, ist das Jago. Diese Kneipe liegt in der Saladin-Schmittstr direkt an der Nordostseite des Schauspielhauses. Es war die erste Kneipe, die ich zu Beginn meines Bochumer Lebens besuchte. Da das 25 Jahre her ist und sie immer noch ihre Pforten öffnet, scheint ihr Erfolgskonzept aufzugehen. Es gibt dort Bier und Fußballabende, aber eben auch viel Theaterpublikum, das mehr oder weniger zufällig im Jago landet, um Hunger und Durst zu stillen. 

Jago

 Auch gestrandete Silvestergäste werden dort fürsorglich behandelt, wie mir aus dem nächsten Bekanntenkreis überliefert wurde. Diese Stoßzeiten haben die Betreiber offensichtlich ebenso im Griff, wie die eher mauen Nachmittage, wo man dort aber auch Kaffee statt Bier erhält. Der Name "Jago" verweist übrigens sehr wohl auf das Schauspielhaus: Jago war in dem Shakespeare-Stück "Othello" der Bösewicht. Ein Intigrant, der sich über seine verpasste Beförderung zum Leutnant ärgert und seine Frau verdächtigt, ihn mit Othello zu betrügen. Das Jago ist also der kleine Bösewicht, der doch sehr liebenswert daher kommt und außerdem auch ein Veranstaltungsprogramm zu bieten hat. Manchmal gibt es dort nicht nur Fußball sondern auch Jazz und andere Ereignisse.

27. November 2014 Die Pizzeria Teatro im Bochumer Ehrenfeld bietet Pizza und Nudeln, auch zum Mitnehmen. Es ist ein Schnellrestaurant mit drei, vier Tischen, die oft besetzt sind von Menschen, die es wohl doch nicht so eilig haben. Die Kundschaft ist den Besitzern vielfach offensichtlich bekannt oder sie wird zumindest so behandelt, freundlich und charmant. Bisher war ich einmal dort und die Pizza war lecker, wobei ich sagen muss, dass ich mich noch kaum an eine verdorbene Pizza erinnere. Ihr Handwerl haben die Pizzabäcker schon drauf.

Die Pizzeria Teatro profitiert natürlich von ihrem berühmten Gegenüber: Das Bochumer Schauspielhaus hat nun mal einen berühmten Namen. Deswegen nennen sich vom Friseur über die U-Bahn bis zur Apotheke und Teestation alle im Umkreis "am Schauspielhaus". Ich bin also im Grunde jetzt auch eine "VIGLi am Schauspielhaus", nur dass meine Bühne des Lebens meistens woanders spielt....

Pizza Teatro

1. Januar 2015. Das wohl berühmteste Bauwerk im Ehrenfeld ist das Bochumer Schauspielhaus. Deswegen schmücken sich auch vom Friseur über die Apotheke bis zur Pizzeria alle aus der Umgebung gerne mit dem Attribut "Am Schauspielhaus".  Da weiß jeder gleich, wo das ist und dass es da schön ist. Der Vorläufer des Schauspielhauses war ein 1907 erbautes Varietetheater. Gebaut wurde es von dem Bauunternehmer Clemens Erlemann, der ohnehin das ganze Ehrenfeld erschaffen hat. Unter dem Intendanten Saladin Schmitt erhielt das Schauspielhaus 1919 erstmals ein eigenes Ensemble. Aber 1944 wurde das Haus bei einem Luftangriff bis auf die Grundmauern zerstört. Erst 1951 wurde nach den Plänen des Architekten Gerhard Graubner das heutige Haus erbaut. An der Fassade zur Königsallee hängt die Plakette "vorbildliches Bauwerk seiner Zeit" mit der es ausgezeichnet wurde. Wichtiger als die Fassade ist aber das reiche Innenleben des Theaters. Vor allem durch die Auseinandersetzung mit Klassikern wie Shakespeare erhielt das Haus seinen guten Ruf.

DSC 2469kl

Ebenfalls legendär ist die Silvesterparty, die ich dieses Jahr erstmals live mit erlebte. Zum Auftakt gab es das Stück "Bochum" mit viel Lokalkolorit und jede Menge Songs von Herbert Grönemeyer. Da hat das Publikum zuletzt selbst mit gesungen und war schon so richtig in Schwung, als es zur Party ging.

Theatertreppe

Eine Live Band und ab zwei Uhr Nachts ein Diskjockey heizten den Gästen musikalisch ein. Um Mitternacht wurde auf dem Vorplatz mit Raketen und Schneewalzer das neue Jahr sehr stimmungsvoll begrüßt. Abgesehen davon, dass es manchmal schon ein bisschen arg eng war auf der Tanzfläche, eine absolut gelungene Veranstaltung mit sehr viel gut gelaunten Gästen, die sich im Wesentlichen gut benommen haben. Nur gegen halb drei gab es eine kleine Schlägerei, die aber von dem zahlreichen Security Leuten schnell unter Kontrolle gebracht wurde.

22. November 2014.Dass im Bochumer Ehrenfeld das Krankenhaus Bergmannsheil steht, wissen die meisten. Weniger bekannt ist, dass auf demselben Gelände ein Forschungsinstitut steht. Das Institut für Prävention und Arbeitsmedizin ist sowohl ein Institut der Ruhr-Universität als auch der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung. Thema der Forschung ist der Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz. Ob Schweißer oder Bäcker oder Büroarbeiter,  keine Tätigkeit soll die Gesundheit gefährden. Dafür muss aber erst einmal bekannt sein, welche Stoffe gefährlich sind. Manchmal gibt es dann ganz einfache Lösungen. Zum Beispiel das Backmittel, das nicht mehr als Pulver sondern als Granulat zugesetzt wird. Damit wird dem Staub Einhalt geboten und das Risiko allergisch zu reagieren, gesenkt. Seit 1990 arbeite ich als Immunologin an diesem Institut.

IPA

15. Dezember 2014. Im Ehrenfeld habe ich jede Menge kreative Nachbarschaft, die zu entdecken viel Spaß macht.

Letzten Samstag war Tag der offenen Tür im Atelier 46 an der Oskar-Hoffmannstraße. Von der Straße geht es durch einen Hinterhof, der mich gleich an das Buch "Als die Uhr 13 schlug" erinnerte. Liebevolle Willkommensschilder wiesen den Weg in das Atelier. Dort erwarteten Lebkuchen, Kerzenlicht, viele Bilder und die Künstler persönlich den Besucher.

In der oberen Etage genießt man einen interessanten Blick über Häuserdächer, der die kreative Atmosphäre ebenso gestaltet, wie die Stapel an Bildern, die zum Schauen einladen. Der Kunstmaler Ralf Papenheim malt überwiegend in Öl, sehr farbintensive Landschaften, aber auch Häuser in denen ich gleich wohnen mochte oder Portraits interessanter Menschen.

Dachblick

Zweiter kreativer Kopf im Atelier ist Gisela Bongardt, die unter dem Begriff "Kunstabzugshaube" auch im Netz zu finden ist. Mit Öl zu malen will sie erst noch richtig lernen, meint die Künstlerin, was nur bedeutet, dass sie ihr Potential bisher noch nicht ausschöpfen kann. Denn professionell sind die farbigen  Gemälde auch jetzt schon gestaltet. Ein besonderes Händchen hat Gisela aber offensichtlich für Zeichnungen, die manchmal an Zille erinnern, aber doch in ihrem ganz eigenen Charme Menschen und Situationen einfangen. Mit wenigen Strichen sind da Figuren auf Karton und Papier unterwegs, die ganze Geschichten erzählen. Kein Wunder, dass Gisela Bongardt als Illustratorin von Schulbüchern gefragt ist.

Atelier46

Ein schönes Erlebnis, das Lust auf mehr macht!

14. November 2014. Trassen, also ehemalige (Bergbau)Bahndämme gibt es im Ruhrpott einige. Meine Lieblingstrasse ist im Moment die Springorum-Trasse. Das Beste an ihr ist, dass man schnell und ohne Ampeln oder Straßen, das Ehrenfeld verlassen kann:-).

Trasse

Dieser Radweg, der sich natürlich auch wunderbar mit meinem Tretroller fahren lässt, führt im Moment bis Weitmar. Das sind für mich ungefähr 4 km, die ich einfach so durchzischen kann. Aber es lohnt sich auch, links und rechts des Trassenwegs zu schauen. Besonders freue ich mich immer über die Aussicht über die Schrebergärten. Aber fleißige Gärtner haben sogar direkt am Trassenrand ein kleines, buntes Blumenbeet angelegt. Einfach so, weil die Ehrenfelder eben eine bunte Trasse wollen und dafür sogar bereit sind, im Sommer Gießkannen zu schleppen. Finde ich echt toll.

Trassenbluete

12. Dezember 2014. Die Straßen in Bochum heißen vielfach nach wichtigen Persönlichkeiten, oftmals erinnern sie auch an die Blütezeiten des Bergbaus - oder beides zugleich. Zum Beispiel war Oskar Hoffmann um 1880 Direktor der Gewerkschaft einer Zeche. Heute beginnt die Oskar-Hoffmannstraße direkt am berühmten Schauspielhaus (und ist seit Monaten eine Baustelle).

Die Bessemerstraße gedenkt dem Ingenieur Henry Bessemer, der mit einem speziellen Verfahren Mitte des 19. Jahrhunderts die Stahlindustrie revolutionierte. Auch die Christstraße hat nichts mit Jesus Christus zu tun sondern heißt nach  Herrn Friedrich Christ, der1864-1877  Direktor des Märkischen Knappschaftsvereins war.

Alle diese Informationen lassen sich übrigens auf der informativen Seite "historisches Ehrenfeld" nachlesen. 

Auf meinem Weg zur Arbeit komme ich seit ich im Ehrenfeld wohne, regelmäßig durch die Drusenbergstraße. Der Drußberg war ausnahmsweise keine Zeche (die es hier zahlreich gab!) sondern ein Berg, der Teufelsberg. Tatsächlich führt die Straße bergauf, um dann zur Wasserstraße hin wieder abzufallen. Aber ob die Spaßvögel, die die Straße zur  "Gruselbergstraße" umgenannt haben von der teuflischen Namensherkunft wussten? Vielleicht sind es auch Schüler, die es gruselig in der Drusenbergschule finden? Ich finde es im Ehrenfeld jedenfalls nicht gruselig und dieses nette Namensschild lässt mich jeden Morgen schmunzeln.

Gruselberg

11. November 2014. Ein weiterer Ort im Bochumer Ehrenfeld, um sich den Gaumen verwöhnen zu lassen, ist die Zuckerbäckerei in der Hunscheidstr. 61. Aus ihrem ursprünglich sehr kleinen Lokal sind die drei engagierten Damen relativ bald zur jetzigen Adresse umgezogen, weil ihre Cup cakes und Konditorträume offensichtlich schnell Fans gefunden haben. Mittlerweile gibt es dienstags bis sonntags ein weit gefächertes Angebot an Leckereien und auch herzhafte Speisen zur Mittagszeit. Auch zum Verschenken findet man dort oft süße Ideen im wahrsten Sinne des Wortes. Die Öffnungszeiten lassen sich übrigens auch leicht erschnuppern:-)

Zuckerbaecker

Und wer eine größere Kaffeetafel organisieren will, kann sich ein passgenaues Catering backen lassen.

05. Dezember 2014. Ein ganz besonderer Ort an der bekannten Königsalle ist das Atelier von Annette Münch (Königsallee 12). Unaufdringlich schmiegt sich der Blickpunkt zwischen die anderen Geschäfte in dieser kleinen Ladenzeile.

Hell und still wird es, sobald der Besucher über die Stufen tritt. Dann gibt es erst einmal viel zu schauen. Kleine stilisierte Dackel lächeln einem zu, Schmuck glänzt in Vitrinen und überall leuchten zarte Farben, abstrakte Farbkompositionen, die in ihrer sinnlichen Präsenz doch sehr konkret sind. Ein Platz an dem es Freude macht, länger zu verweilen, mit den Bildern in DIalog zu treten und auch mit der überaus charmanten Künstlerin.

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Für Menschen, die es lieber realistisch mögen, malt Annette aber auch Schafe mit Wollmützen und Frösche, die fröhliche Weihnachten wünschen. Die gelernte Goldschmiedin kann ihr Talent  in vielen Richtungen umsetzen. Das verhilft ihr offensichtlich zum Erfolg - bereits seit 2006 ist Laden an der Königsalle etabliert. Wer Weihnachtsgeschenke sucht: Unbedingt vorbei schauen!

http://www.blickpunkte.org

5. November 2014. Wo gelebt wird, wird auch gestorben und das gilt natürlich auch für das Bochumer Ehrenfeld. Ein Ort, der den Übergang begleitet ist das St. Hildegard Hospiz.

http://www.hospiz-st-hildegard.de/

Kürzlich erst hatte ich anlässlich des Tags der offenen Tür die Gelegenheit, das Haus zu besichtigen. Ein großer Garten und viele sehr freundliche Menschen sind mir aufgefallen. Die Bochumer ließen sich vom Thema Tod nicht abschrecken und genossen mit Freuden Trödelmarkt und Kuchenbuffet. Um die Bücherkisten mit all den Schätzen durchzusehen, hätte ich Stunden gebraucht! Im Gästebuch hatten viele ihren Dank hinterlassen, weil ihre Angehörigen bis zuletzt gut betreut worden waren. Eine angenehme Atmosphäre herrscht in diesem Haus und es holt Krankheit und Tod dorthin, wo es hingehört: Mitten unter uns! "Zugelaufen" ist mir dort der kleine Affe Jakob, für den noch lange nicht das letzte Stündchen geschlagen hat:-).

Jakob der affe