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Das 312. erste Mal

Das 312. erste Mal

„Kann ich ein Autogramm haben?“, fragt mich eine Leserin meiner Bücher, als ich gerade um die Ecke geradelt komme, um den alljährlichen Kemnader Seelauf mitzumachen. Guter Anfang, denke ich. Ob ich denn noch aufgeregt sei, nach all meinen Wettkämpfen, fragt sie. Natürlich sage ich. Es ist doch immer das erste Mal, irgend etwas Neues passiert immer.

Wie Recht ich haben sollte. Aber erstmal: Freunde treffen, die Sonne scheint. Alles ist gut. 10, 9, 8, 7, 6…ich liebe diesen Augenblick, wenn wir mit scharrenden Füßen an der Startlinie stehen, uns viel Glück wünschen und dann herunterzählen. Peng und es geht los. Wir sind in ein neues Universum gebeamt. Es gibt nur den Weg, die Schritte, die brennende Lunge. Auf dem See schippern Einhorn- und Delfin-Boote und wir Laufbegeisterten treiben über den Asphalt.10 km. Die Beine fliegen, die Lunge pfeift. Die Streckenposten kenne ich alle, ein meet and greet, zwischendurch Musik, Applaus, ich fühle mich zu Hause. Der Tag ist eine Gerade und alles ist gut. Ich drossele das Tempo etwas, bei Kilometer fünf schütte ich mir Wasser über den Kopf, es ist warm. Die nächste kleine Steigung fühlt sich an wie ein Berg.

Drei Kilometer vor dem Ziel schließt ein Kumpel auf, lobt „Du läufst total konstant“. Als Antwort presse ich nur ein „ich kämpfe“ hervor und sein „glaub ich“ legt einen Schalter um, ich fühle mich verstanden und getragen und kann endlich wieder beschleunigen, sehe schon die letzte Kurve. Der verstohlene Blick auf die Uhr sagt mir: Trotz der Läufe an den zwei Tagen zuvor bin ich auf Bestzeitkurs. Der Zielbogen fast greifbar, ich ziehe die Startnummer nach vorne.
Die Startnummer? Das ist nichts!

Nur eine leere Plastikhülle baumelt an meinem Gürtel! In der Nummer war der Chip zur elektronischen Zeitmessung. Das heißt, ich bin nicht da. Ich bin aus der Zeit gefallen, meine Nummer 2007 führt irgendwo zwischen See und Wald ein Eigenleben, das nichts mehr mit mir zu tun hat.

„Willst du Wasser?“ fragt einn Freundin. Nein, nur eine Umarmung..

Empörung, Entsetzen, Erzählen.

Wie konnte das passieren? Ich habe den hier notwendigen Klebestreifen nicht richtig befestigt. Das ist der 312. Wettkampf meines Lebens und ich habe ein wichtiges Detail übersehen. Zum Glück bin ich nicht bei Olympia oder am Nordkap, sondern zwischen Trasse und Ruhr und habe nicht nur meine Sportuhr, sondern auch zahlreiche Zeugen an der Strecke. Meine gemessene Zeit wird nachgetragen. Sagte ich nicht, ich fühle mich zu Hause?

VIGLi, 3. Mai 2026