Alljährlich starten Krankenkasse und Fahrradclub die Aktion „Mit dem Rad zur Arbeit“. Es gibt Gewinne, Gratulationen und die eindrückliche Umrechnung der Kilometer in gespartes Kohlendioxid. Ungefähr 140 Gramm pro Kilometer. Jedenfalls wenn wir stattdessen Auto fahren würden. Zu Hause bleiben, hätte natürlich den gleichen Effekt. Dann würden wir allerdings weder Muskeln noch soziale Kontakte aufbauen. Unser Arbeitgeber fördert die Aktion, erinnert uns immer wieder an die schöne Möglichkeit des Zweiradfahrens.
Ich gehöre seit Jahr und Tag zur Gruppe Radieschen, die unterdessen als „Radieschen forever“ in die Geschichte bzw. die Formulare eingegangen ist. Wir sind für immer zu viert, wenn auch manchmal ein bisschen andere Vier. Und wir wären auch bereit, fünf oder sechs zu sein, das lässt sich nur nicht mehr in das Formular eintragen. Darauf kommt es allerdings auch nicht an.
Wichtig ist vor allem, dass wir der Aktion eine neue Dimension gegeben haben: Mit dem Rad zum Eis. Mindestens einmal im Jahr fahren wir Vier von der Arbeit weg und zu einer Eisdiele. Wir hätten zwar eine direkt vor dem Büro, aber die gilt nicht. Oder nur dann, wenn wir vorher ein paar Kilometer gestrampelt sind. Es soll aber nicht zu sportlich sein, haben wir beschlossen. Deswegen tragen die Teilnehmenden meistens Jeans statt Sportdress und nehmen ihr ältestes Fahrrad. Das ist so eine Art mentales Understatement. Ich habe trotzdem jedes Mal geschwitzt.
Dieses Jahr hatten wir die Zeche Zollverein als Zwischenziel, von dort ging es weiter zur Ruhr. Industrie, Felder, grüne Hügel. Ruhrgebiet at its best.
Ich hatte eine Eisdiele ausgesucht, die die anderen noch nicht kannten, kleine Überraschung. Leider hatte sie geschlossen. Das war der Tiefpunkt der Tour im wahrsten Sinne des Wortes. Wir hatten das Ruhrtal erreicht, in alle Richtungen ging es nur bergauf. Ohne Stärkung.
Wir wählten den steilsten Berg und wurden schließlich belohnt. Unscheinbar aus einer kleinen Luke heraus verkaufte Frau Pellegrini Stracciatella undsoweiter. Stühle gab es keine, aber wir hatten schließlich lange genug im Sattel gesessen. Im abendlichen Staub einer Straßenkreuzung genossen wir Gespräche und die kühlen Kugeln. Zum Abschluss mäandrierten wir an Straßenbahnschienen vorbei bis zur nächsten Trasse. Und sobald man eine Trasse hat, ist man bekanntlich fast zuhause. 40 Kilometer auf dem Tacho und die Erkenntnis, dass wir uns im Team aus allen Tiefen wieder nach oben kämpfen können.
VIGLi, 20. Juli 2026
