An der Nordseeküste ist es kühl. Wind, Regen, jeder weiß das. Nur am letzten Juli-Wochenende gibt es die Gewissheit, dass es anders ist. Wüste, Sahara-Erlebnis mitten an der Wurster Nordseeküste. Die Hölle von Mulsum startet, der legendäre Zehnkilometerlauf, der schon manchen vom Glauben an die frische Nordseeluft abbrachte. Die knapp 550 Einwohner-Gemeinde wird an diesem Tag zum Läufer-Eldorado, von nah und fern reisen die Rennwilligen an. Wegen des Kuchenbuffets.. Und um die Hölle kennenzulernen. So schlimm kann es doch nicht sein, lächeln sie vorher. Die Unwissenden.
Ich schwang mich in Otterndorf aufs Fahrrad und lernte bereits auf der 35 km langen Anfahrt, dass die Höllenhunde wieder unterwegs waren. Es wurde minütlich wärmer, der Wüstenwind blies natürlich von vorne und so laut, dass ich mein Navigationsgerät nicht mehr verstehen konnte. Ein höllisches Rauschen im Ohr. Zum Glück geht es weitgehend geradeaus. Am Ziel, also eigentlich am Start angekommen, hieß es schnell T-Shirt wechseln, Startnummer abholen, Bekannte begrüßen und dann standen wir auch schon gemeinsam auf der Wiese und warteten auf den Zug. Das ist dort quasi der Startschuss, denn die Strecke quert als erstes Schienen. „Jetzt hast du 56 Minuten“, raunte mir eine Teilnehmerin zu. Es ist nämlich so: Wenn man auf dem Rückweg just an die Gleise kommt, wenn die Zugdurchfahrt ansteht, dann muss man warten. Das wird einem natürlich nicht gut geschrieben. Das ist einfach eine der Spezialitäten dieser Hölle.
Aber zunächst kommt dieser erste Kilometer, der sich fliegen lässt. Das ist eine der teuflischen Dinge. Rückenwind, Asphalt, ein Sommertag, es läuft. Im 5-Minuten-Tempo sauste ich dahin und dachte wie immer, vielleicht wird es nicht so schlimm. Dann kommt der Abzweig 1 in die Hölle. Während die Fünf-Kilometerläufer weiter mit Rückenwind geradeaus rennen, biegen wir Zehn-Kilometer- Anwärter auf einen dieser teuflischen Schotterwege zwischen den Feldern ab, die dem Lauf seinen Charakter verleihen. Rechts und links trockene Grannen, die Windräder surren, Wüstenstaub im Gesicht, knirschendes Kieselgestein unter den Füßen. Die erste Wasserstelle ist schon überlebenswichtig. Es werden Schwämme verteilt, die wenige Minuten danach schon wieder knochentrocken sind.
Der Wind, die Sonne, kein Schatten, kein Schutz. Die nächste Ecke mit Wasser ist nur eine Fata Morgana. Abzweig 2 in die Hölle. Kies, Sonne, Wind, geradeaus. Ich muss das Tempo reduzieren, fühle mich, als würde ich kriechen. Die Läufer vor mir bleiben aber im gleichen Abstand, kriechen sie genauso oder ist das alles nur ein Hitzetraum? Endlich noch ein Wassereimer, ich würde am liebsten vollständig hineinsteigen. Etwas erfrischt geht es auf die letzten zwei Kilometer, der Blick weit geradeaus. Ich höre das Tuten des Zugs. Das ist die eine Richtung. Es bleiben fünf Minuten bis der Gegenzug kommt, ich dann womöglich an den Gleisen warten muss. Ist doch ein Volkslauf, wen stört das schon, kurz auf die Bahn zu warten. Ich will aber meine Zeit vom letzten Jahr schaffen, mobilisiere alle Kräfte, mentale Hölle. Endlich: die Schienen! Sprung ins Glück, jemand applaudiert, die Wiese, das Ziel.
Zehn Sekunden schneller als letztes Jahr (00:55:40) und völlig von den Höllenhunden zerbissen, die hier gar keiner bemerkt hat. „Heute ist es ja nicht so heiß“, sagt einer und ich brülle ihm ein „Wie bitte??“ entgegen.
Bei Kaffee und Kuchen sitzen wir anschließend zusammen, während die Urkunden verteilt werden. Wolken ziehen auf, ich fröstele. Unglaublich! Zurück radeln mit Rückenwind, duschen und dann zum Otterndorfer Altstadtfest. Tanzen, Highway to hell mit voller Stimme mitsingen. Aber das wunderbare an der Mulsumer Hölle ist, dass es ein Entkommen gibt!
26.7.2026
