Mit Donnergrollen und Blitzen fing es an, mit 1000 Umarmungen ging es weiter. Mein 65. Geburtstag war mehr als ein Fest. Es war ein 12-Stunden-Happening. Mein größter Wunsch: Dass sich alle begegnen, die meine Wege begleiten. Läufer, Triathleten, Schriftsteller, Musiker, Schauspieler, Nachbarn, Forscher, Kollegen. Zu diesem Zweck entstand die Idee, mein Lebensalter in Laufrunden umzusetzen. 65 Mal 650 Meter ergibt genau einen Marathon, das war doch ein wunderbares Ziel für so einen Tag!
Nach wochenlangem Suchen und Vermessen hatten wir die ultimative Strecke im Bochumer Wiesental markiert. Mit kleinem Anstieg, Treppenstufen, Bäume-Blick, sehr abwechslungsreich, nicht ganz einfach. Und genau 650 Meter kurz. Der Vorteil einer kleinen Runde: Jeder kommt immer wieder am Verpflegungszelt vorbei und niemand muss den Marathon anpeilen, 650 Meter im Genießer-Schritt tun es auch. So wie im richtigen Leben, jeder in seinem Tempo, jede wie sie mag und kann.
Da mein Liebster wundervoller Weise professioneller Zeitnehmer ist, hob er das Ganze mit seiner Technik noch auf ein neues Niveau. Wir bekamen Transponder ans Bein und damit jede Runde ein Piep. Auf der digitalen Anzeigentafel war sichtbar, wer gerade auf der Strecke war und wer wie viele Runden absolviert hatte.
Nach dem morgendlichen Gewitter (angeblich hat es 65 Mal gedonnert) blieb es trocken und pünktlich um 11 Uhr stand ich mit einer Gruppe von Lieblingsmenschen am Start. Zehn, neun, acht sieben, sechs …und PIEP!
Mein Lebenslauf begann.
Die einen langsam, die anderen schnell und jedes Mal, wenn ich im Start- und Zielbereich vorbeikam, gab es ein Piep, war ein neuer Gast angekommen. Und mit ihm neue Erinnerungen. Ich tankte Umarmungen und sagte: „Lass dir erklären, wie es funktioniert.“, lief einfach weiter. Irgendjemand war immer zur Stelle und kümmerte sich. Die einen mischten Getränke, die anderen schnitten Äpfel und die nächsten verteilten sonnengelbe Party-Armbänder, auf dass sich alle Partygäste erkannten. Zudem wurde die Lebenslauf-Strecke plakatiert, fortwährend tauchten neue Fotos von gemeinsamen Abenteuern auf und lächelten mir von den Bäumen rechts und links entgegen. Ein großes Plakat „Verena- 65, die Party“ informierte auch jeden zufälligen Spaziergänger über die Aktion und bald riefen mir wildfremde Menschen Glückwünsche zu.
Wie im richtigen Leben wurde es auch bei diesem Lebenslauf zwischendrin mühsam für mich. Die Hitze, die Kilometer. Aber natürlich waren dann Freunde an meiner Seite, holten Getränke, wanderten mit mir und schon war das Tief überwunden. Wohin ich sah, bildeten sich kleine Lauf- , Spazier- und Wandergrüppchen, die mir zuwinkten. Mit der Frage „Woher kennst du die Verena?“ war jede und jeder schnell im Gespräch. In meiner letzten Runde schickte Petrus noch eine Dusche, das war mir aber komplett egal, weil ich ohnehin in Glücksschweß gebadet war.
1067 Runden haben wir gemeinsam gesammelt, also knapp 694 Kilometer. Zudem kamen dabei über 10000 Höhenmeter zusammen. Freundschaft kann Berge versetzen, sage ich doch.
Danach hieß es Kekse und Party-Pavillon zusammenräumen, dazu meine kompetente Ansage: „Ich weiß auch nicht wohin die ganzen Sachen gehören, ich muss jetzt kurz duschen“. Doch meine Schlümpfe- und Heinzelmännchen-Freunde formierten sich rasch zu Aufräumtrupps, schmiedeten aus meiner Planlosigkeit ein funktionierendes System.
Ich radelte nach Hause, gönnte mir ein Bad und im feinen Kleid ging es auf zum zweiten Teil der Party. Buffet im Restaurant zum Wiesental. Es war lecker, es war lustig, es wurden neue Bekanntschaften gepflegt und der Hit des Abends: Musiker, die sich bis dahin nicht kannten, fanden sich zu einem Gitarrenkonzert zusammen. Und als die Chansonsängerin entdeckte, dass es eine Gitarre gab, begeisterte sie mit ihrem Spontanauftritt die glückliche Gesellschaft.
Mir rannen nicht nur einmal an diesem Tag die Tränen vor Freude. Wer solche Freunde hat, kann sich auf die nächsten 65 Jahre wirklich freuen. Piep!
VIGLi, 31.5.2026
