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Wir lieben dich trotzdem

Wir lieben dich trotzdem

Pfingsten an der Ruhr ist orange, mindestens alle zwei Jahre. Das Rheinorange, die monumentale Skulptur an der Ruhrmündung ist das Ziel, egal, ob man an der Quelle in Winterberg (230 km), in Arnsberg (160 km) oder in Herdecke (100 km) startet. Die Tortourderuhr ist ein Punkt-zu-Punkt Ultramarathon. Aber nicht die Streckenlänge hat ihn so populär gemacht, sondern sein Motto: Deine Crew bringt dich da durch.

Wer sich anmeldet, muss Crew-Begleitung nachweisen, denn hier gibt es keinesfalls alle paar Kilometer Versorgungpunkte. Das Team hat sich zu kümmern, was der Laufende braucht und auch dessen Gesundheit im Auge zu behalten. Zum Beispiel, weil 30 Grad herrschen und die meisten Menschen im Schatten dösen, während die Tortourderuhr-Gemeinschaft unaufhörlich dem Rheinorange zustrebt. Dieser Spirit hat mich fasziniert, als ich das erste Mal als Helferin an der Strecke stand, hat mich getragen, als meine Crew mich drei Mal über die - liebevoll Bambinistrecke genannten - 100 km gebracht hat.
Und nun die Adieu-Edition, Jens Witzel, Erfinder und Initiator dieses Ruhrgebiets-Events wollte einen Schlusspunkt setzen. Immer größer, immer weiter ist eben nicht das Ziel. Tortourderuhr ist nun wieder das, was sie von Anfang an war: Eine Idee. Kommt drauf an, was wir daraus machen.

Sahir hatte Feuer gefangen, wollte sich auf diese 100 km-Reise begeben, bekam eine Einladung, da war der Entschluss schnell gefasst: Ich bin die Fahrradbegleitung.

Erst im Planen merkten wir so richtig, was es bedeutet. Wie kommen wir mit Gepäck und Fahrrad an den Start und was tun wir im Ziel, wenn dort keiner wartet? Sahir auf den Gepäckträger schnallen und zurückradeln schien keine gute Idee zu sein. Also musste das Team wachsen. Esther und Vladislav sagten Auto-Unterstützung zu. Bei einer gemeinsamen Pizza besprachen wir den Ablauf:

„Wann sollen wir wo sein?“

„Ich weiß auch nicht genau.“

Das Abenteuer begann.

Um Mitternacht starteten wir und vorher hieß es für mich Umarmungen einzusammeln. Die Veteranen standen ein letztes Mal an der Strecke, waren Crew oder Helfer, zahlreiche bekannte Gesichter.
Sahir liebt Nachtläufe, für mich lag die letzte durchtanzte Nacht schon 30 Jahre zurück. Doch dieser Zauber kennt kein Alter, wenn die Stirnlampen und Fahrradleuchten am dunklen See entlang blinkten, hin und wieder ein erschrockenes Entenquaken. Die Welt kann so hell sein in der Dunkelheit.

Nach dem ersten Getümmel und Getrappel („ich habe meine Crew verloren“, „wo geht es lang?“) fanden wir unseren Rhythmus. Sahir vorneweg, ich auf dem Fahrrad hinterher. Als Streckenmarkierung dienten die Schilder des Ruhrtalradwegs, die nachts natürlich nicht zu sehen sind, der GPS Track war deshalb wichtig. An jeder Ecke folgten wir dem Summen der Uhr. Auf dem Fahrrad war es trotz zwei Jacken kalt, zum Laufen dagegen angenehm. Aber wenn der Nebel über die Felder wogte und im Licht der Fahrradlampe glitzerte, die Frösche quakten, dann waren warm oder kalt keine Kategorien. Wir stubsten uns nur und sagten: Es ist so schön!

Kurz nach drei Uhr nachts erreichten wir den ersten von drei offiziellen Verpflegungspunkten und die erste Überraschung. Alfredo aus unserer Laufgruppe stand da. War ebenfalls mitten in der Nacht gestartet, um Sahir zehn Kilometer zu begleiten.

Das ist Tortourderuhr: Du bist nicht allein. Wir gehen den Weg gemeinsam.

Für mich wieder Umarmungen. Eine 230 km-Läuferin von damals, jetzt beim Brote schmieren. So ist das, jeder hat seinen Platz in der Welt.

Dann weiter in den Sonnenaufgang. Vögel zwitschern. Rosarot Richtung Dahlhausen. Esther war wach und hatte Ideen, stand plötzlich an einer Brücke: Warmer Kaffee mit Schokobrötchen vertrieb die Kälte der Nacht. Ich freute mich auf die Sonne, auch wenn ich wusste, das sie uns noch quälen würde. Aber dann stand Esther eben mit einem Eis an der Strecke. Das ist es, was wir im Leben brauchen, Menschen, die uns sehen und ein Capri. Die Temperaturen stiegen und stiegen. Immerhin waren wir nicht allein mit der Hitze. An allen Parkplätzen standen Crews, feuerten uns an und teilten ihre Eiswürfel.
„Wir lieben dich trotzdem“ stand auf einem Schild und wir packten uns das Motto für alle Zukunft in den Rucksack. Be crazy and follow your dreams. We love you in any case.

Dann das Schild “Nur noch Marathon”, kurze Euphorie, darauf ein Tief. Nur noch Marathon, heißt eben auch: Noch 42 km in der Hitze. Aber was lernen wir beim Ultralaufen? Ein Tiefpunkt ist nur eine Durchgangsstation. Von ganz unten kann es nur aufwärts gehen.

Noch 25 km. Wüste, Sandwege ohne Schatten, die Ruhr weit weg. Dann ein Park und unerwartet Sahirs Kollege Marvin mit Fahrrad an der Strecke, reihte sich ein in unsere Crew. Gemeinsam konzentrierten wir uns auf die Navigation, die im ausgedörrten müden Gehirn immer schwieriger wird. Irgendein Heinzelmännchen der Tortourdruhr hatte allerdings diesmal mit orangenen Pfeilen auf den letzten Kilometern nachgeholfen. Es tat gut zu wissen. Das ist der Weg. Straße, Park, Autos, Baustelle.

Dann endlich der Uferweg. Die letzten 1,5 km. Wer schon am Rheinorange angeschlagen hatte, kam hier zurück gewandert, jubelte den Einlaufenden zu.

Sahir mobilisierte die letzten Kräfte, wechselte vom Wandern wieder zum Laufen, wir Radfahrer liefen auch, schoben die Räder.

Musik, Glückwünsche, Daumen hoch, am Horizont das Rheinorange. Esther mit Kamera, Vladislav ist auch schon da.

Das Schild: „Noch ein Kilometer. Heulkrampf bitte“.

„Was heißt das?“ fragt Sahir und mir rinnen die Tränen. Freude, Rührung, Erleichterung. Die Welt ist orange. Jens persönlich überreicht Sahir die Medaille. Der nächste Läufer kommt schon, trotzdem bleibt Zeit für eine Umarmung. Wie lange kennen wir uns? Dann zupft mich schon ein Bekannter am Ärmel „Hey, du auch hier?!“ Es ist wie ein fortgesetzter Flashback.

Trinken, Schatten, Umarmungen, uns ins Auto verladen. Taxi-Service bis vor die Haustür. Duschen schlafen, wieder aufwachen und wissen, allen Krisen zum Trotz, auch das ist unsere Welt: We stay together.